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Augenzeugenreport des Tuzla Massakers
Donnerstag abend. 25.Mai 20h30. Der "Tag der Jugend" im früheren Jugoslawien Alles war ruhig in Tuzla schon mehr als eine Woche. Das Wetter ist perfekt: Ein später Frühlingstag mit viel Sonne und angenehmer Temperatur. Ein perfekter Tag für ein Spaziergang in das alte Stadtzentrum. Viele junge Menschen treffen sich in diesem Zentrum. Sie haben nicht das Geld noch die Möglichkeit etwas anderes zu tun. Diskotheken sind geschlossen, andere Einrichtungen nicht verfügbar. Wie immer, Kapija ist das Zentrum der Aktivität. Dieser alte Platz der als östlicher Eingang zu Tuzla gebraucht wird( wie zynisch) ist voll mit Menschen, die meisten zwischen 18 und 25 Jahre alt. Da sind keine Anzeichen, die eine Katastrophe erahnen würden. Natürlich, man hört die Granaten in der Entfernung. (TuzlaAirport wurde von 13 Granaten getroffen), aber das ist nichts aussergewöhnliches mehr.
6 Personen haben Unterricht in Bosnischer Sprache im HCABüro, nur 20 Meter von Kapija entfernt. Wir wollten etwas über Bosnien lernen. Um 21h00 herum war ein Riesenbang. Alle warfen sich auf den Boden. Panik. Nur Sekunden später, hörte man das Schreien, das Stöhnen. Leute kamen in das Büro, viele hysterisch. Ein Mädchen wurde hereingebracht, sie ist verwundet am linken Bein. Glücklicherweise, es ist keine ernsthafte Verletzung. Sie hat Glück gehabt. Aber viele hatten keines. Langsam tröpfeln die Informationen herein. Eine Granate fiel in die Mitte von Kapija. Eine Granate abgefeuert von den Bosnischen Serben vom Berg Majevica, der etwa 20 km östlich von Tuzla liegt. Last Euch von niemanden etwas anderes sagen. Natürlich, es wird wieder Gerüchte geben von den bosnischen Serben, dass die bosnischen Muslime es selber taten. Glaubt es nicht: Die Granate ist die Reaktion der Bosnischen Serben auf die Bombardierung von Pale durch die NATO.
Eine lange Zeit ist unsicher wie viele Menschen getötet oder verletzt wurden. 10 vielleicht 20 Menschen getötet und ein wenig mehr verwundet. Aber nach eineinhalb Stunden, als ich genug Mut gesammelt hatte um einen Augenschein draussen zu nehmen, sah ich leicht dass es eine zu tiefe Schätzung war. Kapija ist bedeckt mit weissen Tüchern, befleckt mit Blut, die gebraucht werden um die Toten zu bedecken. Ich zählte mindestens 40 Stück davon.
Ich gehe nach Hause, es ist nichts das ich tun könnte. Ich sehe das spezielle Programm von TV Tuzla über den Granatenangriff. Eben meine letzte Schätzung ist zu tief. Die Anzahl der getöteten Menschen steigt rapid: 45, 50, 53, 60. Die Aufnahmen waren furchtbar. Stücke von was sonst ein Mensch ausmacht sind verstreut über Kapija. Im Spital, Menschen werden in den Gängen operiert, weil es nicht genügend Platz in den Operationsräumen hat.
Hunderte von Leuten kommen ins Spital, in der Hoffnung ihre Kinder zu finden, ihre Freunde, Verwandte unter den Verwundeten. Viele von Ihnen finden Sie unter den Toten. Glücklicherweise, waren da auch lange Schlangen von Menschen die Blut spenden wollten um so den Verwundeten zu helfen.
Am Morgen, der Schmerz ist schlimmer als am Abend. Langsam realisiert man: Ein riesiger Teil von Tuzlas Zukunft, von Bosniens Zukunft wurde ermordet. TV Tuzla rapportiert 65 Tote, und über 100 Verletzte. Die meisten von Ihnen zwischen 18 und 25. Die Stadt liest die Stücke auf. Um 8h30 ein neuer Granateneinschlag in Tuzla, aber es ist den Leuten gleich; sie sind immer noch gelähmt vom gestrigen Geschehnis. Die Atmosphäre in Tuzla ist von Niedergeschlagenheit. Aber eben mehr so aus Hilflosigkeit. Die Internationale Gemeinschaft ist offensichtlich weder fähig noch willig die Bosnische Zivilbevölkerung zu schützen. Die von der UN deklarierten "Safe Areas" sind überhaupt nicht sicher. Jede dieser (Sarajevo, Bihac, Zepa, Srebrenica, Gorazde und Tuzla) sind bezeugt bombardiert worden letzte Nacht. Aber die bosnischen Muslime hatten keine Chance um sich selber zu verteidigen: Das Rüstungsembargo verhinderte das sie Waffen kaufen konnten um sich selbst zu verteidigen. Ich bin kein Experte für internationales Recht, aber ich würde sagen das dies gegen die UNCharta verstosst. Artikel 51 dieser Charta garantiert jeder souveränen Nation das Recht auf Selbstverteidigung. Und Bosnien Herzegowina ist weithin anerkannt als souveräner, unabhängiger Staat.
Ich sage nicht, dass ich die Aufhebung des Rüstungsembargos vorziehe. Aber die einzige Sprache die Karadzic und die bosnischen Serben zu verstehen scheinen ist die Sprache der Armee. Darum, die internationale Gemeinschaft sollte endlich einen entschlossenen Stand einnehmen. Und das heisst, die Rüstungsdepot der bosnischen Serben angreifen, nicht nur um Sarajevo herum, sondern um alle "Safe Areas" Dies hat vielleicht Auswirkung auf UNPROFOR Truppen oder zivile Ziele, es hat sich erwiesen das dies der einzige Weg ist. Und wenn die internationale Truppe nicht fähig oder willens ist das zu tun, so ist die einzige Lösung das Aufheben des Rüstungsembargos. Das würde letzten Ende den Muslimen eine faire Chance geben sich selbst zu verteidigen, und vielleicht würde dies die bosnischen Serben überzeugen dass sie eine diplomatische Lösung finden müssten. Die bosnischen Muslime haben mehr Leute, und wenn sie die passenden Waffen haben, könnten sie die bosnischen Serben abhalten. Die bosnischen Muslime, wie die meisten anderen Bosnier wollen diesen Krieg nicht. Sie möchten wieder so leben wie seit Jahrhunderten. Kroaten, Muslims und Serben zusammen, als Nachbarn, als Kollegen, als Freunde
Die letzte Zahl zeigt dass 68 Menschen getötet wurden, ein Kind von 2½, 2 Personen von 45, und der Rest zwischen 18 und 25. Abgesehen davon wurden 236 Menschen verletzt. 29 von ihnen sind immer noch in kritischen Zustand. Unter den Opfern und Verwundeten dieser primitiven Attacke sind alle drei Nationen vertreten.
André Lommen
International Liaison Officer HCA Tuzla
Bemerkung für die Leser. Obwohl ich für das Helsinki Citizens Assembly in Tuzla arbeite, ist dies eine persönliche,und nicht notwendigerweise HCA`s Sicht der Dinge.